Rebeca Wild

Nichtdirektivität - Achse einer neuen Erziehung

Erstmals veröffentlicht im August 1997 (bei Mit Kindern wachsen e.V.).
In die neue deutsche Rechtschreibung übertragen am 01.08.2007.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

 

Immer mehr Menschen beginnen sich für die Frage zu interessieren, wie Kinder auf eine sich ständig verändernde Welt angemessen vorbereitet werden können. Die heutige Situation an den Schulen ist für viele Menschen alles andere als ermutigend und so machen sie sich auf die Suche nach Alternativen. Auch für uns selbst war eine ähnliche Situation ja ausschlaggebend gewesen, als wir uns entschlossen, für unseren zweiten Sohn eine "aktive" Schule auf der Grundlage der Arbeit von Maria Montessori zu gründen.

Noch hatten wir kein wirkliches Konzept für unsere Arbeit, aber einige wesentliche Grundsätze standen bereits fest und vor allem waren wir uns ganz sicher, was wir nicht wollten!

Was schon damals ein wichtiges Element war, und sich zum Kern unserer Arbeit entwickelt hat, ist die Nichtdirektivität des Erwachsenen. Sie ist das wirklich Neuartige an dieser Praxis und die Achse, um die sich eigentlich alles dreht. An vielen Elternabenden und in unseren Familiengesprächen haben wir gemerkt, dass das Bewusstsein für diesen wichtigen Punkt sich oft erst mit den Jahren allmählich entwickelt.

Obwohl die privaten Gründe, für unsere Kinder eine alternative Erziehung zu suchen, von Fall zu Fall verschieden sein können, haben alle Eltern sicher einen wichtigen Wunsch gemeinsam, dass wir nämlich unseren Kindern eine glückliche Kindheit ermöglichen wollen - vielleicht eine glücklichere Kindheit, als wir selbst sie gehabt haben. Wir möchten, dass unsere Kinder mehr Freiheit haben, dass sie nicht zuerst einmal ihre spontanen Lebensimpulse unterdrücken müssen, um "lernen" zu können. Dass sie sich bewegen dürfen, reden, lachen und weinen und Dinge tun können, die sie wirklich interessieren, dass sie mit Kameraden und Erwachsenen aufrichtigere und ehrlichere Beziehungen anknüpfen können. Und wir sind als Eltern bereit, uns dafür einzusetzen, solch eine Umgebung für die Kinder zu Hause und in der Schule zu schaffen und zu erhalten, damit aus der "Utopie" konkrete Wirklichkeit wird.

Früher oder später merken wir aber, dass solch eine neue Erziehung für unsere Kinder vieles in uns selbst in Bewegung bringt. Wir selbst sind ja in einer Welt aufgewachsen und geformt worden, die mit den Spielregeln der Direktivität funktionierte und immer noch funktioniert. Unter Direktivität verstehen wir hier ein bewusstes oder unbewusstes Verhalten, das die Kinder in ihren Interessen, ihrer Wahrnehmung und Interpretation der Umwelt bestimmt. Hervorgerufen wird Direktivität vor allem dadurch, dass wir glauben zu wissen, was gut für ein Kind ist und was nicht, was es lernen sollte, auf was es seine Aufmerksamkeit richten sollte...

Das erste und wichtigste Bedürfnis des Kindes ist das Bedürfnis nach Liebe. Dadurch, dass es von unserer Liebe grundsätzlich abhängig ist, wird es eher seine autonomen Bedürfnisse opfern, als auf die Liebe oder zumindest Aufmerksamkeit zu verzichten. Wenn grundsätzliches Angenommensein und Liebe verlässliche Faktoren im Leben des Kindes sind, ist es innerlich frei, die Welt zu erforschen und seiner Entwicklung autonom zu folgen. Ist es sich dieser Liebe und Angenommenseins seiner selbst jedoch nicht gewiss, so folgt daraus eine Unsicherheit, die es alle möglichen Strategien entwickeln lässt, dieses Grundbedürfnis wenigstens annähernd zu befriedigen. Der Drang die Welt zu erforschen, sich autonom zu entwickeln, wird zurückgestellt oder entsprechend der Wünsche der Eltern ausgerichtet, um zumindest ein gewisses Maß an Zuwendung zu bekommen. An die Stelle der Entfaltung des kindlichen Potentials tritt damit eine "Konditionierung", eine Programmierung entsprechend der Werte der Erwachsenen.

In unserer Gesellschaft sind nahezu alle zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie, in Arbeitssituationen, im Erziehungswesen, in Geschäftsbeziehungen, selbst in Freundschafts- und Liebesbeziehungen den Regeln der Direktivität unterworfen. Direktivität ist die Achse, um die sich die Mehrzahl aller Aktivitäten dreht. Antiautoritäre Initiativen und Rebellionen sind letztendlich nichts anderes als die andere Seite dieser in aller Welt anerkannten Münze. Wenn wir aber einmal einen Blick für die Direktivität entwickelt haben, so springt sie uns überall in all ihren Varianten ins Auge, besonders aber in den alltäglichen Handlungen und Reaktionen der Erwachsenen im Umgang mit Kindern. Seit Adam und Eva ist ja Direktivität unsere Erbsünde: Die Schlange überredete Eva, was gut für sie sei, nämlich vom Baum der Erkenntnis zu essen; Eva sagte wiederum Adam, was er tun solle, und Adam und Eva wälzten dann die Verantwortung auf die Schlange ab, als sie zur Rechenschaft gezogen wurden. Dieses gegenseitige Überreden hört seither nicht auf. Von klein an gewöhnen wir uns so sehr daran, dass andere immer wissen, was gut für uns ist, so dass wir uns dieser Tatsache vielleicht nie bewusst werden.

Auch wenn wir allmählich Übung darin bekommen, die Direktivität bei anderen zu entdecken, ist es noch ein langer Weg, bis wir sie spontan auch bei uns selbst im Umgang mit anderen, besonders mit Kindern spüren. Erwachsene, die entschlossen sind, sich für eine neue Erziehung einzusetzen, müssen mit Kritik von allen Seiten rechnen. Darum sollten wir nicht nur auf unsere Intuition vertrauen, sondern uns auch eine ständig wachsende Zahl von Forschungen zunutze machen, die immer klarer darauf hinweisen, dass die Nicht-Direktivität tatsächlich der Weg zu einer authentischen menschlichen Entwicklung ist. Da stehen uns einerseits die peinlich genauen Studien der Entwicklungspsychologie Jean Piagets zur Verfügung und andererseits das Gebiet moderner neurologischer Forschungen, das jährlich durch eine halbe Million wissenschaftlicher Beiträge bereichert wird. Andere wichtige Informationen kommen von Instituten, die auf weltweiter Ebene neue Kenntnisse über Biokybernetik, ökologische und soziale Probleme zusammentragen und verarbeiten. All diese Studien treffen sich in einem wichtigen Punkt: Dass es nämlich, wollen wir das Leben auf unserem Planeten nicht noch mehr gefährden, immer dringlicher wird, biologische Prozesse auf den verschiedensten Ebenen zu respektieren, statt die Natur zu unterdrücken, zu bestimmen und auszunutzen. Und diese Forderung gilt nicht nur für die äußere Welt, sondern auch für die Natur des Menschen, der ja Teil des grossen Lebensnetzes ist. Es ist überraschend, wie sehr die verschiedenen Wissensgebiete, die sich mit Lebensmanifestationen beschäftigen, ineinandergreifen. Tatsächlich sind sich alle Forschungen darin einig, dass Überleben und Entwicklung von der autonomen Interaktion des lebendigen Organismus mit seiner Umgebung abhängen. Beim Menschen führt diese Interaktion zu einer echten Operativität, die wiederum die Grundbedingung jeglicher lebendiger Vernunft ist, dank derer allein wir Lebensprobleme wirklich verstehen und lösen können.

So gesehen kommt uns das Grundproblem aller Erziehung verblüffend einfach vor, dass nämlich Kinder jeden Alters Tag für Tag Entscheidungen treffen müssen, die ihren authentischen Bedürfnissen entsprechen - und nicht unbedingt den Vorstellungen oder Forderungen der Erwachsenen. Eine für spontane Handlungen geeignete Umgebung ist aber keinesfalls eine "unbegrenzte Umgebung". Vielmehr hat jede Lebenssituation sowohl natürliche Grenzen wie auch Grenzen des common sense. Ohne sie gäbe es weder gegenseitigen Respekt noch eine entspannte Umgebung, die beide für eine echte Entwicklung unerlässlich sind. Wir Erwachsenen haben normalerweise große Schwierigkeiten, diesen scheinbaren Widerspruch zwischen freier Entscheidung und festen Grenzen zu verstehen. Es ist wirklich so, dass die Praxis, nicht-direktive Beziehungen zu pflegen, ein neues Paradigma bedeutet. Wenn wir einmal beginnen, darin zu leben, wird unsere Situation der von Kindern ganz ähnlich: Wir müssen ständig handeln, ohne unser Tun ganz zu verstehen, ohne dass wir uns auf bereits Gelerntes oder "große Lebenserfahrung" stützen könnten. Und genau wie bei Kindern "wachsen" unsere neuen Verständnisstrukturen erst in einem langen Prozess, falls wir offen für Neues sind: aufmerksam, um aus eigenen Fehlern zu lernen, und bereit, auf Sicherheiten zu verzichten, die sonst vielleicht aus dem Glauben kommen, dass wir schon wissen, wie die Dinge laufen, und wir Situationen vorausbestimmen können.

Umgebungen schaffen, in denen Kinder als Kinder leben können, ist eine Herausforderung für Eltern, Erzieher und Lehrer. Auch wenn die Nationen statt für Rüstung das meiste Geld für Erziehung ausgäben; wenn jedes Slumkind und jedes Indianerkind in den Anden auf die Schulbank käme, und überhaupt alle Kinder der Welt statt Schulbüchern wunderschönes didaktisches Material zur Verfügung hätten - all dies würde am eigentlichen Problem vorbeigehen, wenn wir nicht lernen könnten, unsere menschlichen Beziehungen ohne Direktivität zu gestalten. Das Beste wäre allerdings, damit schon in unserem Umgang mit ganz kleinen Kindern anzufangen, bevor sie sich nämlich gegen die Direktivität der Umwelt mit ihren eigenen Manipulationen zu wehren beginnen. Wenn wir diese Aufgabe wirklich ernst nehmen, wird sich ein erstaunlicher Prozess ergeben. Es werden Einwände und Widerstände auftauchen - in uns selbst und bei anderen. Aber Stück für Stück wird unser Vertrauen in das innere Potenzial der Kinder wachsen, und auch unsere Sicht der Wirklichkeit beginnt sich zu ändern.

 

Für dieses Werk gilt die Lizenz Creative Commons Namensnennung - nicht-kommerziell - keine Bearbeitung - 3.0 Deutschland (CC BY-NC-ND 3.0 DE).

 


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Weitere Links:

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